Hugenotten und Waldenser in Hessen: Der Weg in die Freiheit

DeutschlandWanderungen
von on 2016-09-29

Was ich noch über die Hugenotten aus dem Geschichtsunterricht weiß? Nicht viel, wenn ich ehrlich bin. Außer, dass eine Mitschülerin sie, damals zum Gelächter der Klasse, mit dem allseits bekannten Hagebuttentee verwechselt hat. Das war es aber auch schon. Von den Waldensern möchte ich gar nicht erst sprechen.

Dass es bei mir ganz in der Nähe aber sogar alte Hugenotten- und Waldenserkolonien gibt, in denen die Nachfahren ihr Erbe bis heute lebendig halten, wusste ich gar nicht. Um die Geschichte der Glaubensflüchtlinge greifbarer zu machen, wurde mittlerweile sogar ein Fernwanderweg eingerichtet, der ihren Weg in die Freiheit nachzeichnet.

Den Abschnitt im Erlebnisraum Burgwald-Kellerwald mit seinen Dörfern habe ich etwas genauer unter die Lupe genommen und möchte nun auch dir sowohl ein klein wenig die Geschichte der Hugenotten und Waldenser als auch die Gegenwart, die sich auf dieser Wanderung durch tolle Landschaften und nostalgische Kolonien erschließen lässt, vorstellen.

Kleine Geschichtsstunde zu Hugenotten und Waldensern

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht zu sehr ins Detail gehen, sondern nur ganz kurz die Fluchtgeschichte der Hugenotten und Waldenser erläutern, damit du – falls bei dir aus dem Geschichtsunterricht auch fast nichts mehr hängengeblieben ist – einen kleinen Überblick erhältst.

Sowohl Hugenotten als auch Waldenser gehörten der protestantischen Kirche an, weshalb sie aufgrund ihres Glaubens in ihrer Heimat verfolgt wurden. Auf der Suche nach einem freien Leben, raus aus Unterdrückung und blutigen Kriegen, verließen sie ihr Land und siedelten sich entlang des heutigen Hugenotten- und Waldenserpfads neu an.

Obwohl die Flucht mit zahlreichen Gefahren verbunden war – eine Verhaftung drohte -, wagten Hugenotten und Waldenser Ende des 17. Jahrhunderts den Weg in die Freiheit und gründeten neue Kolonien in Deutschland, wo sie ihren Glauben ausleben durften.

Europäische Kulturroute Hugenotten- und Waldenserpfad

Im Jahr 2013 wurde der Hugenotten- und Waldenserpfad vom Europarat zur Europäischen Kulturroute ernannt. Solche Routen – aktuell gibt es 33 davon – stehen für Werte wie Menschenrechte, kulturelle Vielfalt, gegenseitiges Verständnis sowie den Austausch über die Grenzen hinweg und sind ein Kanal für den interkulturellen Dialog und für ein besseres Verständnis von europäischer Geschichte. Weiterführende Infos dazu findest du beim Institut für Europäische Kulturrouten in Luxemburg.

Auf 2.000 Kilometern verläuft der Europäische Kulturfernwanderweg von Südfrankreich (Hugenotten) bzw. Norditalien (Waldenser) auf dem historischen Fluchtweg bis nach Bad Karlshafen in Nordhessen. Entlang der Hauptroute führen mehrere Rundwege zu den jeweiligen Hugenotten- und Waldenserkolonien.

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Der Hugenotten- und Waldenserpfad

Da „der Weg in die Freiheit“ in eben jene Siedlungen führt, in denen das Kulturerbe der protestantischen Glaubensflüchtlinge am greifbarsten wird, ergeben sich zwangsläufig einige asphaltierte Passagen. Informationstafeln an Fachwerkhäusern, zahlreiche Gedenksteine, alte Gräber, offene Kirchen sowie das überall präsente Hugenottenkreuz veranschaulichen diese europäische Flüchtlingsgeschichte.

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Hugenottenkreuz

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Wegmarkierung

Die Hugenotten- und Waldenserkolonien in Nordhessen

7 ehemalige Hugenotten- und Waldenserkolonien befinden sich im Marburger und Frankenberger Land. Die Nachfahren legen großen Wert darauf, dass ihre Kultur und Traditionen nicht in Vergessenheit geraten. Ich habe alle Dörfer besucht und bin durchweg Menschen begegnet, die ihr Erbe lebendig halten. Nicht nur durch die französischen Nachnamen, die an den Briefkästen zu finden sind oder die Hugenottenkreuze, die einem überall begegnen, sondern auch durch den Erhalt der alten Trachten, die zu gegebenem Anlass aus den Schränken geholt werden oder die Nutzung der zahlreichen Backhäuser und auch das Umfunktionieren längst verlassener Schulhäuser zu Archiven und Museen zeigen, wie wichtig es den Nachkommen ist, dass ihre Geschichte erhalten und lebendig bleibt.

Frauenberg

Frauenberg liegt ganz in der Nähe von Marburg, wo ich den Nachmittag verbracht habe. Am ersten Tag der Reise bin ich dadurch zwar noch nicht allzu sehr in die Geschichte eingetaucht, da ich „nur“ zum Essen und Schlafen in Frauenberg war, aber es lagen ja noch 3 Tage und 6 Kolonien vor mir.

In Marburg hingegen bietet sich eine Führung durch die Stadt an, in der einst Hessen gegründet wurde. Das Highlight ist sicherlich das imposante Schloss, das über den Dächern thront.

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In Marburg wurde Hessen gegründet

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Schloss Marburg

Übernachtet habe ich im Hotel „Zur Burgruine Frauenberg“, einem der zertifizierten Hugenotten- und Waldensergastgeber (aber dazu gleich mehr). Von dort ist es nicht weit zur gleichnamigen Ruine, von wo aus man einen herrlichen Panoramablick auf die Umgebung hat.

Tipp: Ein Abstecher zur Burgruine Frauenberg in den Abendstunden und den Sonnenuntergang genießen. Was für eine Idylle!

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Aussicht von der Burgruine Frauenberg

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Herrliche Idylle an der Burgruine Frauenberg

Todenhausen

In Todenhausen ging die Auffrischung meiner Geschichtskenntnisse dann richtig los. Hugenottenkirche, der alte Friedhof mit Gedenktafel und das ortseigene Archiv mit zahlreichen Überbleibseln aus der Vergangenheit standen auf dem Plan. Abgerundet wurde der Besuch in Kolonie Nummer 2 von einem Spaziergang hoch zum Sonnabendkopf, bevor die Reise nach einem typischen Mittagsessen – bestehend aus Quiche Lorraine und dem passenden Weißwein dazu – weiterging.

Tipp: Quiche Lorraine nach Originalrezept probieren. Ein Genuss!

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Kirche in Todenhausen

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Die alte Schule dient heute als Archiv

Wiesenfeld

Wiesenfeld beeindruckt mit seiner für die Größe des Ortes gigantischen Kirche, neben der sich ein eigener Kräutergarten befindet, auf den die Einwohner ganz besonders stolz sind. Neben dem typischen Backhaus gibt es hier auch noch einen alten Keller, in dem Reliquien aus längst vergangenen Zeiten gesammelt werden.

Die Nachfahren in dieser Kolonie schienen mir ganz besonders stolz auf ihre Geschichte. Behutsam bewahren sie nicht nur ihre Kultur, eine Familie besitzt sogar noch eine alte Bibel, die damals mit auf die Flucht genommen wurde und den weiten Weg bis nach Nordhessen überlebt hat.

Tipp: Bibel und Keller sind natürlich in Privatbesitz. Aber einfach mal nachfragen, ob man mal einen Blick drauf- bzw. reinwerfen kann. Es lohnt sich.

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Kirche in Wiesenfeld

Louisendorf

Von Louisendorf aus bin ich dann zum ersten Mal so richtig auf den Spuren der Hugenotten und Waldenser inmitten der Natur unterwegs gewesen. Eine Wegschleife führt durch das romantische Lengeltal, wo sich ein Abstecher zum Landhaus Bärenmühle lohnt. Die Küche dort ist großartig, was auch Mario Adorf, einer der prominenten Gäste, immer wieder zu schätzen weiß.

Tipp: Ein Mittagessen im Landhaus Bärenmühle genießen. Die perfekte Stärkung für deine Wanderung.

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Beschreibung des Pfads

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Wandern durchs Lengeltal

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Wunderschöne Plätze überall

Frankenhain

Die Besichtigung des Ortes Frankenhain ist mir in ganz besonders wundervoller Erinnerung geblieben. Denn hier gibt es eine „grüne Frau“, die unheimlich viel von Kräutern versteht und diese auch sensationell zu verarbeiten weiß. Neben einer Kräuterwanderung durfte ich zum ersten Mal vegane Rohkost probieren und ich muss zugeben, es war weitaus besser, als ich dachte.

Tipp: Unbedingt Kontakt mit Anette Schäfer, so heißt die nette „Kräuterfrau“, aufnehmen. Ihre Rezepte sind klasse.

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Vegane Rohkost von der „grünen Frau“

Hertingshausen

Auch in Hertingshausen habe ich tolle Menschen getroffen, die ihre Tradition im Herzen tragen. Das beschauliche Örtchen hat zudem das wohl schönste Hugenottenkreuz, das ich während meiner Reise gesehen habe.

Tipp: Eine Märchenlesung mitmachen. Ich dachte eigentlich, dass ich aus dem Alter lange raus bin, aber ich war trotzdem total begeistert.

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In Hertingshausen lebt die Tradition

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Das meiner Meinung nach schönste Hugenottenkreuz

Schwabendorf

Schwabendorf war die letzte Kolonie, die ich besichtigt habe. Wenn man denkt, man hat schon alles gesehen, wird man trotzdem nochmal überrascht. In einem wunderschönen Museum findest du echte Schmuckstücke aus der Vergangenheit.

Ein gelungener Abschluss der Reise war schließlich noch der Besuch beim alten Ortsschmied, der mit großer Hingabe und einer unendlichen Liebe zum Detail sein Handwerk vorgeführt hat.

Tipp: Eine Lehrstunde beim Schmied machen. Super spannend!

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Tolle Lehrstunde beim Schmied

Hugenotten und Waldenser erleben: Gastgeber des Weges

Entlang des Hugenotten- und Waldenserpfads gibt es einige zertifizierte Gastgeber, die auf den Kulturroutentourismus spezialisiert und auf dich als Wanderer ausgerichtet sind.

Rats-Schänke Frankenberg

Hier habe ich sowohl übernachtet als auch am Abend gegessen. Das Hotel befindet sich im Herzen der Altstadt und bietet in seinem Restaurant an, „Hessen à la carte“ zu probieren, was du vielleicht aus der Sendung vom Hessischen Rundfunk kennst. Ich habe mich für das Schmandschnitzel entschieden und kann dir das Gericht nur empfehlen.

Mehr Infos findest du hier.

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Mein Schmandschnitzel war ein Genuss

Hotel-Restaurant Zur Burgruine Frauenberg

Das Hotel ist für Wanderer ideal. Einfach und schlicht liegt es in einer ruhigen Umgebung in unmittelbarer Nähe zur Burgruine Frauenberg.

Mehr Infos findest du hier.

Landhaus Bärenmühle

Das Essen im Landhaus Bärenmühle ist super. Es liegt im romantischen Lengeltag und eignet sich perfekt zur Einkehr während deiner Wanderung. Übernachten kannst du hier natürlich auch.

Mehr Infos findest du hier.

Blütenhotel Village Sarnau

Das Hotel steht für leckere Kuchen, die teilweise sogar mit Blüten dekoriert sind. Im Shop kannst du alles kaufen, was dein „Blütenherz“ begehrt.

Mehr Infos findest du hier.

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Hier regiert die Blüte

Weitere Gastgeber

Warst du schon auf dem Hugenotten- und Waldenserpfad unterwegs? Was weißt du über die Geschichte der Flüchtlinge? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Noch mehr über die Hugenotten und Waldenser bei meinen Bloggerkollegen:

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Offenlegung: Ich wurde vom Hugenotten- und Waldenserpfad e.V. und von Hessen Tourismus in die Region eingeladen. Meine Meinung zu diesem Reiseziel ist dennoch meine eigene und bleibt von der Einladung unberührt.

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9 KOMMENTARE
  1. Antworten

    Jörg

    29. September 2016

    Wunderschön beschrieben Christina! Klar gegliedert und tolle Bilder. Kompliment, da macht das Lesen Spaß.

    Liebe Grüße aus Limburg, Jörg

    • Christina
      Antworten

      Christina

      29. September 2016

      Danke Jörg, das freut mich 🙂
      Liebe Grüße
      Christina

  2. Antworten

    Karl-Hermann Völker

    29. September 2016

    Ausdrucksstarke Bilder, sehr individuell beschrieben.
    Das macht neugierig auf diesen europäischen Kulturwanderweg!
    Karl-Hermann

    • Christina
      Antworten

      Christina

      30. September 2016

      Danke sehr 🙂

  3. Antworten

    Lynn

    29. September 2016

    Super schön unsere tolle Reise noch mal so aufbereitet zu lesen. Obwohl wir alle das Selbe erlebt haben, kommen doch ganz unterschiedliche Artikel dabei raus. Das macht gleich doppelt so viel Spaß 🙂

    Liebe Grüße und bis bald,
    Lynn

    • Christina
      Antworten

      Christina

      30. September 2016

      Danke dir 🙂
      Liebe Grüße
      Christina

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Christina
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